Landflucht !?

Also, ich bin ja im „Großstadtdschungel“ aufgewachsen und mit 20 oder so wieder auf’s Land gezogen – und ich will nie, nie wieder in der Stadt leben…

Der Machtkampf der neuen Stadtstaaten

Ballungszentren wie Wien haben den höchsten Bevölkerungszuwachs. Ländliche Regionen dünnen aus. Mega-Citys konkurrieren um Geld und Macht.


von Andreas Anzenberger
Die Prognosen sind für weite Regionen Österreichs besorgniserregend. In fünfundzwanzig Jahren werden nur noch ungefähr ein Drittel der Österreicher in ländlichen Regionen leben. Fast zwei Drittel wohnen dann direkt in der Stadt oder in städtischen Ballungszentren.
Eine Entwicklung mit dramatischen Folgen für ländliche Regionen: Der Kaufkraftverlust führt dazu, dass Nahversorger schließen, Betriebe abwandern und immer mehr landwirtschaftliche Flächen nicht mehr bewirtschaftet werden.
Weniger Nahversorgung und Jobs verschlimmern die Lage und verstärken vor allem die Motivation der Jungen, in die Stadt zu ziehen. Die typischen Abwanderer ist jung, männlich und hat einen überdurchschnittlichen Bildungsstand.
Das ergibt eine Bevölkerungsspirale, die sich nach unten dreht. Besonders betroffen von diesem Trend sind Teile Zentralösterreichs und Randlagen. In den Bezirken Leoben und Mürzzuschlag betrug der Bevölkerungsschwund von 2002 bis 2006 fast minus vier Prozent.
Für Prof. Wolfgang Polasek vom IHS ist das eine Konsequenz der Ökonomie: „Hochtechnologie wird nicht am Land erzeugt und die Landwirtschaft bringt nicht viel Geld. Die Ökonomie der Zukunft ist eine Stadt-Ökonomie. Es dominiert der Dienstleistungssektor.“
Daran werden auch noch so ambitionierte Förderungsprogramme für ländliche Regionen nichts ändern. „Man muss zur Ehrenrettung der Politiker sagen, dass sie es versucht haben. Aber man kann nicht viel machen“, lautet der trockene Kommentar von Polasek. Sein Zukunftsszenario: „Die ländlichen Regionen werden zu einem riesigen Freizeitpark für reiche Städter. Das bedeutet auch ein Anwachsen der Interessenskonflikte zwischen Stadt und Land. Die Tendenzen der ökonomischen Ungleichheit werden zunehmen.“
Der Wirtschaftsforscher rechnet „mit einer Rückkehr der Stadtstaaten“. Mega-Citys werden im Konkurrenzkampf um ökonomische Vorteile gegeneinander antreten.
Denn die Ballungszentren wachsen beständig. Rund um die Städte Wien und Graz gibt es einen deutlichen Bevölkerungszuzug von teilweise mehr als sechs Prozent. Den höchsten Zuwachs hat der Wiener Bezirk Favoriten mit plus 10 Prozent. Während in der Vergangenheit nur Westösterreich durch höhere Geburtenraten einen Bevölkerungszuwachs verzeichnete, hat die EU-Osterweiterung Wien und dem Umland neue Entwicklungschancen geöffnet.
Die Ursache für diese Entwicklung sind zwei unterschiedliche Wanderungsprozesse. „Während eher wohlhabende Schichten von den Stadtzentren ins Umland ziehen, suchen Migranten vor allem in den Städten Wohnung und Arbeit“, erläutert Prof. Gunther Maier von der Wirtschaftsuniversität Wien. Der wohlhabende Österreicher leistet sich eine Wohnung oder ein Haus im Grünen. Die Zuwanderer ziehen in die abgewohnten Bezirke in den Städten.© 17.12.2007 KURIER

 

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